prêt-à-penser

31. März 2009

Wo die Neurosen blühen…

Einsortiert unter: Videothèque — pretapenser @ 17:58
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… will ich Landschaftsgärtner sein. Das scheint das Programm von Franz X(aver) Gernstl sein, der schon seit etwa 25 Jahren im Auftrag des Bayrischen Rundfunks mit kleinem Zwei-Mann-Team die Republik bereist, um Eindrücke aus der deutschen Provinz zu sammeln. Für die meisten wird es nicht neu sein, zumal schon 2006 eine Art Best-Of im Kino zu sehen war. Irgendwie habe ich das seinerzeit verpasst und bin erst kürzlich zufällig auf Herrn Gernstl gestoßen. Und bin restlos begeistert. Gerade habe ich die 15 Folgen von “Gernstls Deutschlandreise” (2007) beendet und bin immer noch erstaunt über das Gesehene.

Das Grundkonzept ist schnell erklärt: Gernstl bereist mit seinem Team die Grenzregionen Deutschlands, einmal rundherum mit Sylt als Ausgangs- und Endpunkt. Angehalten und ausgefragt wird alles und jeder, der interessant erscheint, Verwunderung auslöst oder sich schlicht aufdrängt. Das ganze ist schon fast eine kulturwissenschaftliche Studie von den Rändern der Republik. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Gernstl bietet ein Panoptikum der meist liebenswürdigen Spinner, Eremiten, verschrobenen Künstler und selbstzufriedenen Außenseiter. Natürlich sind auch die schrulligen Archetypen der deutschen Spießigkeit zuhauf zu besichtigen: Die keifenden Rentner, die Feinripp-Griller und Angler, die Parkbankaussitzer, Vormittags-Bierchentrinker und die mißtrauischen Hausbesitzer mit ihren Klinkerfassaden und steril manikürten Vorgärtchen. Immer zwischen Ordnungs- und Starrsinn oszillierend:  das volle Gefühlsspektrum der Rentenrepublik. Aber zwischendrin immer wieder die wahren Helden der Provinz. Die Moralphilosophen des Alltags und sturen Trotzköpfe, die für die Erfüllung ihrer mitunter bizarren Träume oft genug Haus, Hof und Ehe aufs Spiel setzen.

Gernstl entpuppt sich dabei als Idealbesetzung. Das harmlose Aussehen (man stelle sich eine bajuwarische Ausgabe von Ex-Harald-Schmidt-Sidekick Manuel Andrack vor) verringert die Distanz und das unverhohlen vorgetragene bayerische Idiom weckt Interesse. In der Psycho-Geographie der meisten Interviewten scheint ein freundlich-interessierter Bayer in ihren Gefilden so etwas wie ein sprechendes Zebra zu sein. Schon ist man selbst nicht mehr der Exot und beginnt sich vor der Kamera zu öffnen. Und Gernstl ist im Gegensatz zu seinen TV-Kollegen, die meist entweder zu anbiedernd oder wie dumpfbackige Knallchargen daherkommen, ein wahrer Meister des Lakonischen. Selbst bei groteskesten Gesprächsverläufen geht er kaum über ein “Aha” oder ein “Interessant” hinaus. Was wie ein Wunder an Selbstbeherrschung wirkt, wenn man selbst gerade vor Lachen vom Sofa fällt….

Irgendwelche Höhepunkte aufzuzählen, scheint in der Fülle fast unmöglich, aber spontan fallen mir doch zwei ein. Mein persönliches, humoristisches Highlight ist der forsche Ritter Norbert von Thule, der direkt mit Kettenhemd aus der Graphikdesigner-Matrix in seine geliebte Mittelalter-Welt gefallen zu sein scheint. Das menschlich anrührendste Beispiel war der bescheidene, fleißige Oderfischer, der nur 50 Cent pro Kilo für seine Edelfische verlangt und auf den verwunderten Einwand Gernstls, “dafür zahle er bei Karstadt aber 20 Euro” ein Plädoyer für die Bescheidenheit hält. Wer also diese aus der Welt Gefallenen und andere Typen kennenlernen möchte:

Auffi geht`s. Deutschlandreise. Mit Gernstl.

Kleiner Humortest. Wer darüber lachen kann, wird es lieben:

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